Die Chronik vom dahingerafften Hefeteig, den köstlich Phlūmen und elend Gewürm

Es trug sich zu, dass zur Zeit der reifen Äpfel und Pflaumen mein Garten gar reich an Früchten stand.

Beim Anblick all dieser Köstlichkeiten gedachte ich des Pflaumenkuchens meiner Großmutter, welcher dereinst von solcher Güte gewesen war, dass die Verwandtschaft darob beinahe in Zwist geriet.

Also beschloss ich, aus dem Vorhandenen einen Apfel-Pflaumen-Kuchen zu schaffen.

Allein, zur selben Stunde harrten noch zwei andere Werke meiner Hände.

Und da ich offenbar meinte, drei Dinge zugleich ließen sich ebenso trefflich vollbringen wie eines, nahm das Verhängnis seinen Lauf.

So schritt ich denn ans Backwerk.

Vom Hefeteige

Ich nahm:

500 g fein gemahlenes Mehl, auf dass der Boden wohl gerate,
1 Ei, frisch aus des Huhnes Werk,
150 g Zucker, auf dass das Werk wohl süß werde,
1 Säcklein trockene Hefe oder einen halben Würfel frischer Hefe
und 300 ml Milch, wohl gewärmet, doch nicht heiß.

Alles gab ich in eine Schüssel und walkte den Teig mit kräftiger Hand, bis er weich und geschmeidig ward.

Sodann bedeckte ich ihn mit einem Tuche und stellte ihn an einen warmen Ort, auf dass die Hefe in Ruhe ihr geheimnisvoll Werk verrichte.

Bis hierhin war mein Tun noch durchaus löblich.

Doch indes ich mich zugleich anderen Dingen widmete, verlor ich des Hefeteiges Ruheplatz gar völlig aus dem Sinn.

Der Teig hatte sich zunächst ein wenig gereget, solange die Wärme ihm noch genehm gewesen war.

Doch alsbald ward es wärmer.

Und wärmer.

Und schließlich gar höllisch heiß.

Weit über sechzig Grad soll die Hitze betragen haben.

Und so geschah es, dass der Hefeteig beim Gehen vor lauter Wärme und Wonne verschied.

Möge er in Frieden ruhen.

Dass der fertige Kuchen hernach dennoch von stattlicher Höhe war, ward keineswegs durch eine wundersame Auferstehung der Hefe bewirket.

Nein.

Ich hatte schlicht zu viel Teig in eine zu kleine Form gezwänget.

Was dem flüchtigen Auge wie meisterlich Backhandwerk erscheinen mochte, erwies sich bei näherer Betrachtung lediglich als törichte Bemessung des vorhandenen Raumes.

Von den köstlichen Pflaumen

Derweil wandte ich mich den Früchten zu, denn vom Siechen des Hefeteiges nahm ich keinerlei Kunde.

So holte ich einen wohlgefüllten Eimer Pflaumen herbei, welche ich eigenhändig in meinem Garten gepflücket hatte, und begann, eine um die andere zu teilen und ihrer Steine zu berauben.

Doch ach, bald zeigte sich neues Ungemach.

Denn nicht allein ich hatte Gefallen an den süßen Früchten gefunden.

Auch manch elend Gewürm hatte sich darinnen häuslich niedergelassen und offenbar beschlossen, vor mir zur Ernte zu schreiten.

So ward eine jede Pflaume mit argwöhnischem Auge beschauet und auf ungebetene Bewohner geprüft.

Von dem wohlgefüllten Eimer köstlicher Pflaumen blieb mir hernach kaum die Hälfte, denn den übrigen Teil hatte das elend Gewürm bereits für sich beanspruchet.

Darum sei einem jeden, der solches Backwerk nachzutun gedenket, mit Nachdruck geraten:

Entferne das elend Gewürm aus den köstlichen Pflaumen.

Denn mag auch jedes Tierlein seinen von Gott bestimmten Platz auf Erden haben, so befinde sich der des Gewürms gewisslich nicht zwischen Hefeteig, Fruchtmus und Streuselwerk.

Vom Apfel-Pflaumen-Mus

Hierfür nahm ich:

3 Äpfel, frisch aus eigenem Garten,
10 Pflaumen, gleicher Herkunft und sehr wohl frei von elend Gewürm,
100 g Zucker, zur Süße und Labsal,
2 Teelöffel Zimt (oder Weihnachtsgewürzmischung),
den Saft einer halben Zitrone, auf dass ein wenig Säure das Werk belebe,
und 150 ml Wasser, damit mir wenigstens dieses Werk nicht auch noch anbrenne.

Äpfel und Pflaumen zerteilte ich und gab sie mitsamt Zucker, Gewürz, Zitronensaft und Wasser in einen Topf.

Allda durfte alles bei gemächlicher Hitze einkochen, bis die Früchte weich geworden waren.

Sodann ward das Ganze zu feinem Mus püriert.

Das Mus mundete gar vortrefflich.

Allein, es war ein wenig flüssiger geraten, als von mir vorgesehen.

Doch zu jener Stunde war ich längst gewillt, jedwede kleinere Abweichung von meinem ursprünglichen Vorhaben großmütig als gewollte Eigenart des Werkes zu betrachten.

Vom ehrwürdigen Streuselwerk

Nun galt es, Streusel zu bereiten.

Hierfür gelte die alte und bewährte Regel:

Drei Teile Mehl – zwei Teile Butter – ein Teil Zucker.

Also nahm ich:

300 g Mehl,
200 g Butter
und 100 g Zucker.

Alles vermengte und verknetete ich mit den Händen, auf dass daraus wohlgeformte Streusel würden.

Dies taten sie nicht.

Sie wurden nicht zu jenen stolzen, goldenen und knusprigen Bällchen, welche einem auf den Bildern erfolgreicher Backleute so siegesgewiss entgegenblicken.

Golden waren sie, ja.

Das schon.

Meine Streusel gefielen sich jedoch als eher leicht zerfallendes, pudriges Wölkchen, welches im Munde sogleich dahinschwand, wohl aber Süße hinterließ.

Nun denn.

Auch ein Streusel vermag seinen eigenen Willen zu haben.

Wie ich alles zusammenfügte

Den Hefeteig, beziehungsweise das, was nach seinem Hitzetode davon übrig geblieben war, verteilte ich in der Auflaufform.

Darauf legte ich reichlich halbierte Pflaumen.

Über diese goss ich das Apfel-Pflaumen-Mus, welches sich keineswegs als sittsame Fruchtschicht niederließ, sondern dem Backwerk recht freimütig ein wenig jener Weichheit zurückgab, welche die dahingeraffte Hefe ihm zu verweigern drohte.

Wem das Glück hold ist, der nennt dergleichen hernach saftig.

Darüber kamen die Streusel.

Sodann schob ich das ganze Werk bei 175 °C für etwa 45 bis 60 Minuten in den Ofen und überließ den Rest weitgehend dem Schicksal.

Als ich den Kuchen schließlich wieder hervorholte, betrachtete ich mein Werk.

Eine Weile.

Der Hefeboden war hoch.

Nicht wegen der Hefe.

Die war tot.

Die Fruchtschicht war üppig, saftig und von bemerkenswerter Eigenwilligkeit.

Die Streusel waren golden.

Mehr Gutes lässt sich über ihren Zustand nicht sagen.

Auch sonst war das Backwerk weit entfernt von jener makellosen Schönheit, welche wohlgeratene Kuchen gemeinhin zur Schau zu tragen pflegen.

Es sah vielmehr aus wie ein Werk, das während seiner Entstehung mancherlei Prüfung erfahren und nicht eine davon gänzlich unbeschadet überstanden hatte.

Doch schließlich wusste ich:

In diesem Kuchen steckten Mehl, Butter, Zucker, Äpfel, Pflaumen, Zimt und eine gar beachtliche Menge guten Willens.

So übel konnte er kaum munden.

Und wie man mir hernach berichtete, ward er trotz seines desaströsen Äußeren erstaunlich geschwind unter das Volk gebracht.

Ich jedoch vermochte selbst keinen Bissen davon zu kosten.

Zuweilen entsteht aus den verhängnisvollen Worten

„Dies Werk sei noch geschwind vollbracht.“ kein vollkommenes Backwerk.

Bisweilen entstehen ein dahingeraffter Hefeteig, eigensinniges Fruchtwerk, pudrige Streusel und ein Kuchen, der mit seiner Schönheit wahrlich nicht zu prahlen vermag.

Und zuweilen ist gerade das Hässliche von gar köstlichem Geschmacke.

Ist das Werk köstlich, so möge man von einem wohlgeratenem Backwerk berichten.

Ist dies jedoch nicht der Fall, so sei für alle Zeiten festgehalten:

Die Herrin – also ich – trug keinerlei Schuld.

Das Feuer war verflucht, die Hefe verschied zu früh und war wohl von Anbeginn des Lebens müde, die Frucht zeigte sich eigensinnig, und irgendwo war vermutlich doch noch elend Gewürm im Spiel.

So nämlich, jawoll.

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