Das Geschäft und die Nebellampen am Bagger.

Eines Tages setzte sich mein Business an den Küchentisch.

Es sah unglaublich müde und sehr missmutig aus.

„Wir müssen reden“, sagte es.

Ich stellte vorsichtshalber eine ganze Kanne Kaffee auf den Tisch. Gespräche, die mit diesem Satz beginnen, schreien häufig nach Alkohol. Aber wenn am Ende etwas Brauchbares dabei herauskommen soll, ist Kaffee vermutlich die bessere Wahl.

Mein Business nahm einen Schluck, senkte den Kopf, starrte eine Weile ins Leere und seufzte.

„Wo ist eigentlich unser Spaß geblieben? Weißt du noch, wofür wir das alles einmal aufgebaut haben?“

Was für eine Frage.

Und enthielt sie nicht auch eine bodenlose Unterstellung?

Ich hatte schließlich alles getan, was man für ein Business tun kann. Ich hatte gerechnet, geplant, produziert und verpackt. Ich hatte Märkte gesucht, Märkte gebucht, den Stand hübsch aufgebaut, Kunden beraten, Kunden gecoacht, mir sogar Unverschämtheiten lächelnd angehört und freundlich darauf geantwortet.

Und natürlich hatte ich den Stand anschließend mit meist runden Füßen auch wieder abgebaut.

Ich hatte bei Regen Planen festgehalten und bei Hitze versucht, mit Decken und Seitenwänden Schatten zu erzeugen, ohne dabei auch noch den letzten kühlenden Luftzug auszusperren. Bei schwachen Verkäufen hatte ich so getan, als sei der Tag trotzdem eine wertvolle Werbemaßnahme gewesen.

Mein Business hob eine Augenbraue.

„Und? Hat es Spaß gemacht? Hat es irgendetwas gebracht? Wann bist du zuletzt mit Freude auf einen Markt gefahren?“

Ich wollte sofort antworten.

Dann fiel mir auf, dass ich überraschend lange nachdenken musste.

Die Märkte wurden immer schwieriger. Die Verkäufe waren nicht mehr das, was sie einmal gewesen waren oder was sie nach all dem Aufwand wenigstens sein sollten.

Man arbeitet wochenlang im Vorfeld. Man plant, produziert, packt und trägt. Dann steht man einen, zwei oder drei Tage hinter seinem Stand, führt nette Gespräche und verteilt Karten und Proben, von denen später häufig nichts zurückkommt.

Am Abend packt man trotzdem einen großen Teil wieder ein.

Es ist sogar so, dass alles Kostenlose wie Flyer, Karten, Proben oder was auch immer, am Ende regelmäßig verschwunden ist. Die Angebote dagegen reichen häufig noch für die nächsten drei Märkte.

Auch Service wird gern angenommen.

Seifentests zum Beispiel.

Nicht unbedingt, weil jemand eine Seife testen und anschließend kaufen möchte. Manchmal möchte man einfach nur die Hände waschen. Oder kühlen.

Sogar ein Fahrrad kam bereits in den Genuss einer Waschung aus meinem Tester.

Es gibt Tage, an denen man sich ernsthaft fragt, ob man ein Geschäft betreibt oder ein sehr aufwendiges Fitnessprogramm mit Duftstoffen, Gratisproben und integrierter Waschanlage.

„Es kann nicht immer alles Spaß machen“, sagte ich streng, obwohl ich bereits merkte, dass mein Business mit allem Gesagten nicht ganz Unrecht hatte. „Und nicht jeden Wert erkennt man sofort.“

„Nein“, antwortete mein Business. „Aber wenn gar nichts mehr Spaß macht und vieles sinnfrei bleibt, sollten wir vielleicht neu sortieren. Wir sollten schauen, was sich überhaupt noch lohnt.“

Es nahm noch einen Schluck Kaffee.

„Weißt du noch, als wir bei der Wirtschaftsförderung waren?“

Natürlich wusste ich das noch.

„Als man unseren Ladenhüter zusätzlich in Pappe einpacken und mit einer Schleife versehen wollte?“, fragte ich.

„Ausgerechnet den.“

„Und vorher den Preis unter die Selbstkosten senken.“

„Das war so absurd, es war schon wieder lustig.“

„Den Metallstempel für das nachträgliche Stempeln einer bereits knallharten Seife nicht zu vergessen.“

„Dafür hätte er Comedy-Preise abgeräumt, wenn ihn Fakten interessiert hätten.“

„Während unser Bestseller ersatzlos aus dem Sortiment verschwinden sollte.“

Mein Business nickte und lächelte gequält. „Du siehst: Hilfe bekommen wir hauptsächlich von uns selbst.“

Dann schob es mir einen Zettel über den Tisch, den es lange in den Händen gedreht hatte.

Darauf standen die Fragen, denen ich bisher gern ausgewichen war:

Wo willst du eigentlich mit mir hin?

Was bringt es uns noch?

Für wen machen wir das alles?

Warum schleppst du mich immer noch dorthin, wo man uns gar nicht oder nur zur Dekoration haben möchte? Oder bestenfalls als Duftinstallation.

Wie müsste ich aussehen, damit wir beide wieder gern miteinander arbeiten?

Und reiche ich in meiner jetzigen Form überhaupt noch aus?

Ich las den Zettel mehrmals.

Die letzte Frage blieb hängen.

Nicht, weil das Business schlecht ist. Nicht, weil seine Produkte nichts taugen oder weil niemand sie wollen würde.

Ganz im Gegenteil.

Es gibt ja Menschen, die immer wieder kommen. Menschen, die ihre Lieblingsseife regelmäßig nachkaufen, von Produkten erzählen, Empfehlungen aussprechen und das schätzen, was hier in den Jahren entstanden ist.

Nichts an meinem Business ist falsch, die bisherige Form ist vielleicht ein wenig eng geworden.

Bis zum Herbst gaben wir uns Zeit, die Fragen zu beantworten. Nicht alle mit einem großen Tusch und einer endgültigen Lösung. Manche Antworten werden vermutlich zunächst nur mit Bleistift geschrieben.

Eines zeichnet sich allerdings bereits ab: Der Onlineshop wird wichtiger werden.

Dort kann ich mich auf das konzentrieren, worum es eigentlich geht: gute Produkte für Menschen, die sie wirklich wollen.

Menschen können dort in Ruhe schauen, lesen und auswählen. Ohne Gedränge, ohne Marktlärm und ohne dass ein zufälliger Standort zwischen Bratwurst, Kinderkarussell und Toilettenwagen darüber entscheidet, ob meine Produkte überhaupt wahrgenommen werden.

Das Sortiment wird trotzdem weiter abgerundet werden.

Nicht wahllos und nicht nach dem Motto: Viel hilft viel.

Es soll sinnvoll sein. Durchdacht. Verständlich.

Der Kunde wird künftig noch stärker die Sonne sein, um die sich alles dreht: das Sortiment, die Gestaltung und jede neue Idee. Nur noch was die Menschen, die bei mir kaufen, wirklich suchen, was sie brauchen und gern benutzen, soll das Sortiment bestimmen.

Was ich noch zusätzlich herstellen kann oder besonders kunstvoll gestalte, bekommt seine eigene Rubrik.

„Also noch genauer hinhören, was unsere Kunden wirklich suchen und brauchen?“, fragte mein Business.

„Genau. Nicht weniger Ideen. Nur weniger Umwege.“

„Also nur mehr davon, was Menschen tatsächlich brauchen und was wirklich noch fehlt?“

„Genau, kein selbstgemachtes Seifensäckchen, keine Häckelwaschlappen. Das kennt hier kein Mensch und es hat unglaublich Zeit gekostet sie herzustellen.“

Mein Business lehnte sich zurück.

„Das klingt gut und sehr vernünftig.“

Auch die Märkte werden weniger werden. Sie lohnen sich selbst in der Hauptsaison nur noch selten.

Einige bleiben trotzdem.

Weil ich sie mag. Weil sie Kult sind. Weil die Atmosphäre stimmt und man sich dort beinahe wie eine Familie fühlt. Weil ich gern die Menschen treffe, Kollegen wie Kunden, die dorthin kommen.

Und weil ein schöner Markttag auch dann ein schöner Markttag sein kann, wenn er nicht die monatliche Stromrechnung bezahlt.

Dann wären diese Märkte eben Hobby.

Andere Menschen gehen angeln, sammeln Modellautos oder fahren mit dem Wohnmobil durch die Gegend.

Ich baue einen Marktstand auf und rede über Seife.

Mein Business nickte nachdenklich, aber bereits ein wenig zufriedener.

„Das klingt auf jeden Fall besser.“

„Du bist ein Business“, erinnerte ich es. „Du sollst Gewinn machen.“

„Natürlich“, sagte es. „Aber du sollst dabei nicht dauerhaft unglücklich werden. Sonst suchst du dir irgendwann ein anderes Business und ich sitze allein hier.“

Da hatte es einen Punkt getroffen, über den ich tatsächlich schon länger nachgedacht hatte. Das Ergebnis war immer gleich.

Wenn man etwas schon auf solche Beine gestellt hat, wenn man echte Fans hat und geschätzt wird, dann gibt man nicht auf, nur weil sich die Umstände geändert haben und Steine im Weg liegen.

Nein.

Dann macht man den Baggerführerschein und räumt die Steine weg.

Das braucht allerdings Kreativität, Zeit und – wie fast alles im Leben – Geld.

Mein Business schwieg einen Moment.

„Und was machen wir, wenn der Zukunftsnebel aufzieht und wir weder Steine noch Weg sehen?“

„Dann fahren wir eben vorsichtig und auf Sicht.“

Es nickte langsam.

„Na gut. Der Bagger hat aber hoffentlich Nebellampen.“

Vielleicht ist es kein Zeichen von Schwäche, wenn man sein Geschäft neu ordnet und aufstellt.

Vielleicht ist es sogar ziemlich unternehmerisch, wenn man erkennt, dass Fleiß allein kein Einkommen generiert.

Wir geben ja nicht auf.

Aber wir hören auf, immer wieder vor dieselbe Wand zu rennen.

Und vielleicht muss ein Business nicht ständig größer, schneller und anstrengender werden.

Vielleicht darf es einfach sein und passender werden und bei Bedarf mit Nebellampen am Bagger fahren.

Für den Kunden.

Für mehr Leben.

Und vor allem für die Person, die es gegründet hat.

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