Platte Schnitzel geplant – Reifen platt gefahren

Regen prasselt auf das Pavillondach. Kleine Pfützen sammeln sich in Mulden.
Die vorsorglich eingezogenen Seitenwände sind dringend nötig, denn die einzigen, die meinen Verkaufsstand an diesem Tag wirklich zuverlässig betreten, sind ungefähr 54.000 Liter strahlender Sonnenschein, die in voller Schönheit und ohne sich auch nur eine Pause zu gönnen vom Himmel herniedertröpfeln.
Ganz selten verirren sich auch Kunden über den Marktplatz.
Sie schauen, unterhalten sich, kaufen manchmal sogar etwas – und sind wieder weg.
Natürlich war das alles absehbar. Der Wetterbericht hatte ziemlich exakt vorhergesagt, wie die Aussichten für diesen Markttag sein würden:
Nass.
Vor allem aber: nass.
Hatte ich nass erwähnt?
Aber nun, zugesagt ist zugesagt.
Beim ersten Entwässern des Pavillondachs kam ich dann auch gleich in den zweifelhaften Genuss einer etwas fehlgeleiteten Schwalldusche.
Zoing.
Wasser vom Dach. Ich sah aus wie eine getaufte Maus, klatschnass bis auf die Haut.
Entsprechend sonnig war meine Laune.
Gut, dass ich Wechselwäsche dabeihatte.
Zwischen den Schauern war es tatsächlich auch einmal trocken. Und siehe da: Es kamen Menschen. Aus einem Markt, den ich längst abgeschrieben hatte, wurde nach und nach doch noch ein versöhnlicher Markttag.
Und irgendwo zwischen Tee, Regen und der Frage, warum ich eigentlich freiwillig bei diesem Wetter unter einem Pavillon sitze und darauf warte, dass Menschen dringend Seife kaufen möchten, entstand ein neues Spiel:
Das Markttag-Spiel
Es gibt drei Stufen.
Stufe eins: Die augenblickliche Marktbilanz erlaubt mir, mir eine kleine Freude zu gönnen. Irgendetwas Schönes vom Markt oder vom Nachbarstand für unter fünf Euro. Denn das, was gerade mühsam in die Kasse gewandert ist, soll schließlich nicht gleich wieder komplett herauswandern.
Stufe zwei: Läuft! Jetzt darf es eine Bratwurst, Pommes oder eine andere kleine Belohnung sein.
Und dann gibt es Stufe drei: die Schnitzelgrenze.
Wird die erreicht, gibt es abends Schnitzel.
Für außergewöhnlich gute Markttage existiert selbstverständlich noch Schnitzel Deluxe: Schnitzel vom Schlachter, zu Hause selbst paniert und gebraten, sonst muss es die Pommesbude tun.
Die konkreten Grenzen der einzelnen Stufen werden für jeden Markt individuell und neu bestimmt. Schließlich ist Markt nicht gleich Markt.
Dieser völlig abgeschriebene Regentag arbeitete sich jedenfalls tatsächlich bis zur Schnitzelgrenze hoch.
Ich freute mich also auf mein Pommesbuden-Schnitzel.
Zu diesem Zeitpunkt wusste ich schließlich noch nicht, dass ich an diesem Abend etwas ganz anderes bekommen würde.
Wir konnten etwas eher schließen, weil der Besucherstrom eindeutig eine andere Lokalität besetzte und bei uns nur dank des Regens keine Staubteufel über den Platz fegten.
Nach so langer Zeit ist selbst das Abbauen mittlerweile Routine.
Und wenn es regnet, lernt man irgendwann auch die wirklich wichtigen Tricks:
Man kann nämlich mit einem PKW unter einen Pavillon fahren.
Also Auto unters Dach, einpacken und alles erstaunlich schnell und vor allem trocken im Auto verstauen.
Feierabend.
Fast.

Auf dem Rückweg bog ich in einem Kreisverkehr eine Ausfahrt zu früh ab und suchte entsprechend einen Platz zum Wenden.
Dabei hörte ich ein leises:
Tong. Tong.
Ich war über irgendetwas gefahren.
Steinchen. Ein Ast. Irgendetwas, das eben so auf Straßen herumliegt.
Im Dunkeln konnte ich nicht erkennen, was es gewesen war, also setzte ich meine Fahrt fort.
Etwa fünf Kilometer vor der heimischen Hofeinfahrt begann es plötzlich dumpf und lauter werdend zu grollen und zu brummen.
Mein erster Gedanke war tatsächlich:
Wie laut ist denn der Straßenbelag hier?
Der Straßenbelag änderte sich.
Das Brummen nicht. Es wurde wirklich lauter und war da nicht so ein schlapp-schlapp?
Das war der Moment, in dem selbst ich gewisse Zweifel an meiner Straßenbelag-Theorie bekam.
Ich hielt schließlich rund drei Kilometer vor Zuhause an.
Im Schein meines Handylichts sah ich einen komplett platten Hinterreifen.
Na wunderbar.
Ich rief zu Hause an.
Und dieser Anruf war ernüchternd.
Hilfe würde von dort nicht kommen.
Es war dunkel. Es war kalt. Es regnete immer noch.
Und plötzlich stand ich dort und war – mal wieder – auf mich allein gestellt.
Dieses Mal allerdings ziemlich kopf-, rat-, und fassungslos.
Ersatzrad?
Da. Schön in eine Tüte verpackt.
Wagenheber?
Auch da. Er hat schließlich seinen festen Platz neben dem Ersatzrad.
Kompressor?
Da. Und was soll ich damit?
Irgendein Reifenflickzeug?
Selbstverständlich da und sicher nützlich in einer Werkstatt oder so.
Radkreuz?
Nö. Es wäre ja auch schön gewesen. Eigentlich hätte dort ein Radkreuz und ein Rohr liegen müssen, weil kleine, dicke Omis eine Radmutter nur mit Hilfe lösen. Aber da lag nichts.
Nun war nicht nur guter Rat teuer…..
Wenn man diese Straße normalerweise entlangfährt, hat man das Gefühl, dort ziemlich allein unterwegs zu sein.
Vielleicht fährt ein Auto vor einem. Eines hinter einem. Gelegentlich kommt jemand entgegen.
Steht man allerdings im Dunkeln mit eingeschaltetem Warnblinker am Straßenrand, stellt man plötzlich fest, wie viele Menschen diese Straße tatsächlich benutzen.
Und ich stellte noch etwas anderes fest.
Wie viele hilfsbereite Menschen es gibt.
Eine Frau hielt an und wollte den ADAC für mich rufen.
Junge Leute fragten, was passiert sei und ob sie helfen könnten.
Und schließlich hielt ein junger Mann.
Er fragte nicht nur, was passiert war und ob er helfen könne.
Er fragte:
„Kommt jemand für Sie?“
Ob ich hier sicher sei, ob ich wegkäme, ob Hilfe unterwegs sei, schwang da mit. Ganz einfache Dinge, die ich wenige Minuten zuvor sehr gern von zu Hause gehört hätte.
Er fackelte jedenfalls nicht lange, als ich verneinte, holte Reifenspray, sprühte es in den Reifen und -nichts passierte.
Konnte auch nicht.
Ich war offenbar bereits so lange mit dem platten Reifen gefahren, dass die Seitenwand hinten komplett aufgerissen war.
Der Reifen war nicht mehr platt.
Der Reifen war tot.
Also wechselte dieser junge Mann mein Rad.
Ganz selbstverständlich.
Und im Gegensatz zu mir fand er übrigens auch den Radschlüssel, welcher natürlich im Kofferraum lag. Ganz unten.
Danach erklärte er mir noch ganz genau, was ich als Nächstes tun sollte, worauf ich achten musste und wie ich mit dem Ersatzrad sicher nach Hause komme.
Ich vermute, dass er beruflich etwas mit Autos zu tun hat. So selbstverständlich und exakt, wie er mir alles erklärte, klang das jedenfalls.
Ich hätte ihm sagen können, dass ich ein Rad selbst wechseln kann.
Wenn ich das Werkzeug denn gefunden hätte.
Ich stand aber tatsächlich völlig planlos neben mir….
Die Seifentante kam grade vom Markt, wollte nur nach Hause und jetzt diese blöde Panne.
Und plötzlich war da jemand, der etwas für mich tun wollte. Einfach so. Wo ich mir am Handy kurz zuvor anhören durfte, was alles nicht machbar sei.
Und ich durfte ihn sogar einfach machen lassen.
Eigentlich klingt das nach etwas Selbstverständlichem.
Für ihn jedenfalls schien es das.
Aber für mich war es das nicht.
Ich merkte in diesem Moment, wie schwer es mir inzwischen fällt, Hilfe anzunehmen.
Nicht, weil ich glaube, alles besser zu können. Nee, bei weitem nicht.
Nicht, weil ich unbedingt beweisen muss, dass ich allein zurechtkomme.
Nein, die Erkenntnis war eine völlig andere.
Und sie hat mich ziemlich getroffen.
Es fällt mir schwer zu glauben, dass ich Hilfe bekommen darf, ohne vorher beweisen zu müssen, dass ich diese Hilfe wert bin.
Dieser Mensch wusste nichts über mich.
Er wusste nicht, was ich kann.
Er wusste nicht, was ich für andere Menschen tue.
Er wusste nicht, ob ich ihm irgendwann etwas zurückgeben könnte.
Er wusste nicht einmal, wer ich bin.
Da stand ich einfach, ein Mensch mit einem kaputten Reifen bei Regen im Dunkeln am Straßenrand.
Und er konnte helfen.
Also half er.
Das war ausreichend – Punkt.
Hattest du schon einmal das Gefühl, dass ein einfaches „Danke“ viel zu klein ist, während dein Gegenüber offensichtlich überhaupt nichts von dir erwartet?
Genau so stand ich da. Danke stammelnd und völlig überfordert.
Nun kommt man allerdings nicht mit leeren Händen davon, wenn man ausgerechnet einer Seifensiederin hilft.
„Wenn man einer Seifensiederin hilft …“ Mit diesen Worten drückte ich ihm eine meiner Salzseifen in die Hand.
Immerhin hatte er sich beim Radwechsel die Finger schmutzig gemacht.
Und wenn ich eines ziemlich sicher weiß, dann, dass diese Salzseife Schrauberfinger wieder sauber bekommt. Das wurde bereits unter realistischen Bedingungen getestet.
Die Seife war trotzdem keine Bezahlung.
Sie hätte das, was ich an diesem Abend bekommen hatte, auch gar nicht bezahlen können.
Sie war einfach mein kleines Danke und es fühlt sich sogar jetzt, wo ich das hier schreibe, noch nach viel zu wenig an.
Auf den letzten Kilometern nach Hause dachte ich kaum noch über den kaputten Reifen nach.
Ich dachte darüber nach, wie ungewohnt es für mich geworden ist, dass jemand etwas für mich tut.
Ohne Genervtheit und Gezeter, dass die Nachbarn schon mal das Popcorn auspacken.
Ohne eine Gegenleistung.
Ohne mir aufzuzählen, warum man nicht helfen kann.
Ohne dass ich vorher etwas geleistet haben muss.
Einfach so.
Und ja, diese Erkenntnis macht mich auch ein bisschen traurig.
Denn etwas, das mir selbstverständlich erscheint, wenn ich es für einen anderen Menschen tue, fühlt sich plötzlich vollkommen fremd an, wenn jemand es für mich tut.
So fremd, dass ich im ersten Moment kaum damit umgehen kann.
Gleichzeitig hat es mich unglaublich glücklich gemacht.
Dieser junge Mann wird vermutlich nach Hause gefahren sein und gedacht haben, dass er eben einer Frau mit einem kaputten Reifen geholfen hat.
Er hat ein Rad gewechselt.
Vielleicht war das für ihn eine Kleinigkeit.
Für mich war es ein Geschenk.
Denn für einen kurzen Moment musste ich nichts leisten.
Nichts beweisen.
Nichts zurückgeben.
Ich durfte Hilfe brauchen.
Und jemand half.
Einfach so.
Manchmal kommt ein Geschenk eben nicht hübsch verpackt.
Manchmal kniet es nachts im Regen am Straßenrand vor einem platten Reifen, hat einen Radschlüssel in der Hand und bekommt hinterher eine Salzseife.
Und manchmal braucht es erst einen völlig ruinierten Reifen, um etwas wiederzufinden, von dem man gar nicht bemerkt hatte, wie sehr man es vermisst.
Das Vertrauen darauf, dass auch für mich jemand anhält.
An diesem Abend gab es kein Schnitzel.
Aber ich hatte etwas sehr viel Wertvolleres mit nach Hause genommen.
Mein Schnitzel an diesem Abend war die selbstlose Hilfe eines Fremden.
Und die Erkenntnis, dass ich dringend etwas ändern muss.
Sehr dringend.
